Essstörungen sind ernsthafte psychische Erkrankungen,
die weit über das Essverhalten hinausgehen.
Sie betreffen das gesamte Erleben – Gedanken, Gefühle, Körperwahrnehmung und Selbstwert.
Sie schleicht sich ins Leben, um in Krisenzeiten das seelische Überleben möglich zu machen. Doch irgendwann wird diese scheinbare Hilfe – die Essstörung – selbst zur Gefahr für das eigene Leben. Das Essen wird zum Ausdruck innerer Konflikte, Ängste und Bedürfnisse. Sie beginnt oft lange, bevor sie auf körperlicher Ebene sichtbar wird (wenn überhaupt), und bleibt deshalb häufig lange unerkannt. Doch Betroffene leiden – und führen einen inneren Kampf, der früher oder später gezeichnet ist von Schuld, Scham und tiefer Verzweiflung.
Es gibt nicht die eine Ursache für eine Essstörung. Vielmehr wirken viele verschiedene Faktoren zusammen, die ihre Entstehung begünstigen. Ist man einmal in diesem Kreislauf gefangen, ist es schwer, allein wieder herauszufinden. Schritt für Schritt wird die Essstörung übermächtig – sie drängt sich in den Vordergrund, übernimmt die Kontrolle, Tag und Nacht. Und man selbst? Man verschwindet immer mehr dahinter.
„Iss doch einfach mehr.“ – „Iss doch einfach weniger.“ – „Du willst es doch gar nicht wirklich.“ – „Du musst nur motiviert genug sein.“
Diese und ähnliche Sätze hören Betroffene immer wieder. Doch so einfach ist es nicht. Niemand sucht sich eine Essstörung freiwillig aus. Betroffene können nicht anders – und genau das ist für Außenstehende oft so schwer zu verstehen. Die Essstörung ist eine Stütze, eine Strategie, um das auszuhalten, was darunter liegt. Sie lässt sich nicht einfach „wegnehmen“ oder willentlich beenden. Sondern: Stück für Stück loslassen – in einem Prozess, der Geduld, Vertrauen und Zeit braucht.
Eine psychotherapeutische Begleitung kann helfen, wieder in Kontakt mit sich selbst und den eigenen Bedürfnissen zu kommen – jenseits von Gewicht, Kalorien und Kontrolle.
Welche Essstörungen gibt es?
Essstörungen zeigen sich oft nicht in einer klaren Form
Selten tritt eine Essstörung in Reinform auf. Viel häufiger vermischen sich verschiedene Symptome oder wechseln im Verlauf ab. Meist sind junge Menschen betroffen, sie kommt aber in jedem Alter vor.

Binge-Eating-Disorder
(Esssucht)
Die Binge-Eating-Störung ist gekennzeichnet durch wiederkehrende Essanfälle in denen große Mengen an Nahrung in kurzer Zeit aufgenommen werden – jedoch ohne anschließendes Erbrechen oder andere kompensatorische Maßnahmen. Die Betroffenen leiden stark unter dem Kontrollverlust und erleben häufig Scham und Schuldgefühle. Das Essen wird oft genutzt, um emotionale Spannungen zu regulieren oder innere Leere zu füllen. Die Binge-Eating-Störung ist die häufigste Essstörung im Erwachsenenalter und kann mit Übergewicht oder Adipositas einhergehen, muss es aber nicht.

Bulimia nervosa
(Ess-Brech-Sucht)
Bei der Bulimie kommt es ebenfalls zu wiederkehrende Essanfälle, bei denen hastig und große Mengen an Nahrung gegessen werden – oft begleitet von einem Gefühl des Kontrollverlusts. Danach folgen Maßnahmen, um eine Gewichtszunahme zu verhindern, wie Erbrechen, Fasten, exzessiver Sport oder der Missbrauch von Abführmitteln. Anders als bei der Magersucht liegt das Gewicht meist im Normalbereich oder leicht darüber. Viele Betroffene erleben einen belastenden Kreislauf aus Scham, Selbstabwertung und innerem Druck. Die Bulimie bleibt häufig lange unbemerkt, da sie gut verborgen werden kann.

Anorexia nervosa
(Magersucht)
Menschen mit Anorexia nervosa haben ein starkes Bedürfnis, ihr Körpergewicht zu kontrollieren und streben häufig ein extrem niedriges Gewicht an – selbst dann, wenn sie bereits stark untergewichtig sind. Typisch sind eine verzerrte Körperwahrnehmung, intensive Angst vor Gewichtszunahme und ein hoher Leistungsanspruch an sich selbst. Die Nahrungsaufnahme wird eingeschränkt, oft begleitet von übermäßiger Bewegung, Kalorienzählen oder anderen kompensatorischen Strategien. Hinter der Magersucht stehen häufig Themen wie Selbstwertprobleme, das Bedürfnis nach Kontrolle oder ungelöste emotionale Konflikte.

Selektive Essstörung
ARFID
(Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder)
Die selektive Essstörung (ARFID) betrifft vor allem Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene. Betroffene zeigen ein sehr eingeschränktes Essverhalten – etwa durch starke Abneigungen gegen bestimmte Konsistenzen, Farben oder Gerüche von Lebensmitteln. Im Gegensatz zur Magersucht geht es hierbei nicht um den Wunsch abzunehmen oder das Körperbild. Vielmehr stehen Ängste (z. B. vor dem Verschlucken, Erbrechen) oder sensorische Empfindlichkeiten im Vordergrund. Die Nahrungsaufnahme kann so stark eingeschränkt sein, dass es zu Mangelerscheinungen, Gewichtsverlust und sozialer Beeinträchtigung kommt.
Wie viel Gesund ist noch gesund?
Wenn Selbstfürsorge zum Zwang wird und das Streben nach Gesundheit den Körper und das Leben beherrscht.

Orthorexie
(zwanghaft gesundes Essverhalten)
Orthorexie ist keine offiziell anerkannte Diagnose, beschreibt aber ein zunehmend verbreitetes Phänomen: die krankhafte Fixierung auf „gesundes“ oder „reines“ Essen. Betroffene vermeiden bestimmte Lebensmittel aus Angst vor „Unreinheit“ oder „Ungesundem“, folgen strengen Ernährungsregeln und entwickeln ein rigides Kontrollverhalten im Alltag. Das soziale Leben, Genuss und Flexibilität bleiben dabei oft auf der Strecke. Auch wenn der Wunsch, sich gesund zu ernähren, zunächst positiv erscheint, kann die Orthorexie zu erheblichem Leidensdruck und sozialem Rückzug führen.

Bodyforming
übermäßiger Sport
(Zwischen Disziplin und Zwang)
Ein ständiger Drang nach Veränderung des Körpers, strenge Trainingspläne und der Wunsch nach „Perfektion“ können Teil einer Essstörung sein – auch wenn sie auf den ersten Blick als gesund oder bewundernswert erscheinen. Was mit harmlosen Fitnesszielen beginnt, kann schnell in einen körperlichen und psychischen Zwang umschlagen. Übermäßiger Sport wird dann nicht mehr zur Unterstützung des Wohlbefindens betrieben, sondern als Mittel für Anerkennung, Kontrolle, Selbstwert oder Selbstwirksamkeit. Körperliche Warnsignale wie Erschöpfung, Verletzungen oder Hormonstörungen werden oft ignoriert – der Körper wird zur Bühne eines inneren Kampfes.
Körperliche Folgen von Essstörungen – akut und langfristig
Essstörungen wie Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Binge-Eating-Störung, Orthorexia nervosa (Orthorexie) sowie körperfixiertes Bodyforming-Verhalten können schwerwiegende körperliche Folgen nach sich ziehen – sowohl im Hinblick auf langfristige Gesundheitsschäden als auch auf akute, potenziell lebensbedrohliche Zustände.
Bei der Anorexia nervosa führt die chronische Mangelernährung zu extremem Untergewicht, Muskelschwund (auch des Herzmuskels), niedriger Blutdruck (Hypotonie), langsamer Herzschlag (Bradykardie), Osteoporose, hormonellen Störungen (z. B. Amenorrhoe), Haarausfall und Schilddrüsenunterfunktion. Spätfolgen können Organversagen, Unfruchtbarkeit und ein dauerhaft geschwächtes Immunsystem sein. Akut drohen lebensgefährliche Elektrolytstörungen, Herzrhythmusstörungen und plötzlicher Herztod.
Die Bulimia nervosa, die von wiederholten Essanfällen mit anschließenden kompensatorischen Maßnahmen (z. B. Erbrechen, Abführmittel, exzessiver Sport) geprägt ist, kann zu Speiseröhrenentzündungen, Zahnschäden durch Magensäure, Magen-Darm-Problemen, Hormonstörungen sowie schweren Störungen im Elektrolythaushalt führen. Akute Komplikationen sind Herzrhythmusstörungen, Nierenversagen und Kreislaufzusammenbrüche.
Bei der Binge-Eating-Störung führen regelmäßige unkontrollierte Essanfälle oft zu Übergewicht oder Adipositas mit Langzeitfolgen wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettleber, Gelenkproblemen und Herzgefäßerkrankungen. Akut kann eine extreme Nahrungsaufnahme zu einer gefährlichen Magenüberdehnung mit der Gefahr eines Magendurchbruchs oder eines Kreislaufversagens führen.
Die Orthorexie – ein zwanghaft gesundheitsorientiertes Essverhalten mit rigiden Ernährungsvorschriften – kann zu schwerer Mangelernährung, Untergewicht, Mangel an essenziellen Vitaminen und Mineralstoffen sowie zu Verdauungsstörungen führen. Langfristig sind auch hier hormonelle Dysbalancen, Schwächung des Immunsystems und psychovegetative Erschöpfung häufige Folgen.
Körperfixiertes Bodyforming-Verhalten, wie übermäßiger Muskelaufbau durch Diäten, Nahrungsergänzungsmittel oder übertriebenes Krafttraining, kann mit der Einnahme potenziell schädlicher Substanzen (z. B. Steroide, Fatburner) verbunden sein. Mögliche Folgen sind Leberschäden, Herzprobleme, Hormonverschiebungen, Libidoverlust, Wachstumsstörungen (bei Jugendlichen) sowie körperliche und psychische Erschöpfung. Exzessiver Sport kann zudem zu chronischen Gelenkschäden, Stressfrakturen und Übertrainingssyndromen führen.
Essstörungen und körperfixierte Verhaltensweisen betreffen den gesamten Organismus. Eine frühzeitige medizinisch-therapeutische Unterstützung ist entscheidend, um bleibende Schäden zu verhindern und den Körper langfristig zu stabilisieren.
Fühlst Du Dich angesprochen oder bist Du ein/e Angehörige/r ?
Bist Du unsicher, ob Du an einer Essstörung oder an einem gestörten Essverhalten leidest? Kennst Du jemanden, um den Du Dir Sorgen machst? Dann lade ich Dich zu einem kostenlosen Vorgespräch ein und Kontakt mit mir aufzunehmen, um mehr zu erfahren – wenn Du möchtest, auch ganz anonym.
Kontakt
Telefon: 089 / 374 560 42
E-mail: info@piamesserer.de
Arcisstraße 58, 80799 München
